Soziologie-ein fliegender Holländer? https://soziologiedesunbewussten.blogspot.be/2015/12/blog-post

Soziologie- ein fliegender Holländer?

Mein Artikel aus "soziologie heute", Oktober 2015, s. Blog-Artikel vom 2.12.2015

Samstag, 21. Juni 2014

Strukturelle Gewalt und individuelle Freiheit!

Die Menge der Möglichkeiten ist erheblich größer als die Menge der Wahrscheinlichkeiten, die mich als Soziologe besonders interessiert.
Das realitätsgerechte Denken von Wahrscheinlichkeiten ist für viele Menschen sehr schwierig. Besonders dramatisch sind z.B. die mittlerweile publizierten Fehlinterpretationen medizinischer Statistiken von Medizinern und anderen intelligenten Menschen.
...
Mein Umgang mit Wahrscheinlichkeit und Möglichkeit sieht, genauer formuliert, so aus.
Als Gestalttherapeut konzentriere ich mich auf die MÖGLICHKEITEN, die sich ergeben, wenn mein Klient seine Wirklichkeit sehen kann, wie sie ist.
Als Soziologe betone ich die WAHRSCHEINLICHKEITEN, die sich für die Masse/Mehrheit der Menschen im Sinne ihres TYPISCHEN Verhaltens als Ergebnis struktureller Zwänge (Medien/Propaganda/Werbung)ergeben.
Die Kombination beider Perspektiven ist für mich eine wundervolle Arbeitsgrundlage für BEIDE Bereiche.

Freitag, 20. Juni 2014

Erkennen und Erklären

Um Zusammenhänge zu erklären, muss man erst einmal DAS  GANZE in seinen Zusammenhängen erkennen, soweit als möglich.

Dabei spielt das Unbewusste eine entscheidende Rolle!

Der Ethologe Rupert Riedl weist zu Recht darauf hin, dass man nur etwas erklären kann, was man vorher erkannt hat:

„Erkennen beruht auf dem simul hoc der Gestaltwahrnehmung und ist großteils vorbewußt angelegt, das Erklären auf dem propter hoc, das großteils als bewußte Konstruktion der Erfahrung hinzuzufügen ist. Erkennt man diesen Unterschied nicht, kann es geschehen, daß das noch nicht Erklärbare aus der Welt des Erkennbaren verloren wird.“(Riedl 2000:341)

Und dieses ganzheitliche Erkennen der Gestaltwahrnehmung setzt phänomenologisch voraus, sich zumindest möglichst viele emotional-ideologische Filter als Hintergrund der eigenen Wahrnehmung bewusst zu machen.

Ein "unmenschliches", aber mögliches Unternehmen, soziologisch gesehen!
 

Mittwoch, 18. Juni 2014

Gemeinschaft und Kreativität!????

Gefühle denken schlecht!
Brainstorming ist keine Ausnahme.

Die Asch-Experimente und ihre Nachfolger demonstrieren eindeutig, dass die Mehrzahl der Teilnehmer in einer Gruppe durch die dominierende Meinung so stark beeinflusst wird, dass sie sich ihr unbewusst-reaktiv anschließen.

Gleichzeitig sind sie subjektiv der Ansicht, es sei ihre eigene rational-bewusste Entscheidung und durch aktives eigenes Denken zustande gekommen.

Bei der Förderung von kreativen Prozessen in einer Gruppe bin ich bisher davon ausgegangen, dass die konsequente Umsetzung der Brainstorming-Regeln diese gesetzmäßige Tendenz zu Konformität umkehrt und die beste Möglichkeit darstellt, kreative Lösungsvorschläge zu produzieren.

Ich wurde eines Besseren belehrt.

Schon 1963 machte Dunnett, ein Psychologie-Professor der „University of Minnesota“, Versuche, um die Resultate des Brainstormings in Gruppen mit den Resultaten von Brainstorming in gruppenunabhängigen Einzel-Settings zu vergleichen.

Das Resultat: 23 von 24 Gruppen produzierten signifikant mehr Ideen in Einzel-Settings als in Gruppen.

Die Anzahl der Gruppenmitglieder hat zudem einen Einfluss auf die Ergebnisse des Brainstormings.

Je größer die Gruppe ist, umso schlechter sind die Ergebnisse. Eine Gruppe von 9 produziert weniger und weniger originelle Lösungsvorschläge als eine Gruppe von 6, und eine Gruppe von 6 wiederum weniger und weniger originelle als eine Gruppe von 4. (Cain 2012: 88/89)

Le Bon lässt grüßen. Je größer eine Gruppe, umso stärker die emotionale Deformation des eigenständigen, bewussten Denkens.

Von der romantischen Liebes-Ehe, Beziehungsmorden, der hysterischen Anbetung von Idolen bis zum Fußball-Stadion bzw. der Gewalt von Hooligans eine immer wieder zu beobachtende sozialpsychologisch-soziologische STRUKTURELL WIRKSAME Gesetzmäßigkeit.

Dass es um die physisch-emotionale Nähe in diesen Fällen geht, zeigt die Tatsache , dass Online-Brainstorming ungleich bessere Resultate erbringt und die Resultate sogar besser sind, je höher die Anzahl der Teilnehmer ist.

Das Gemeinschaftsgefühl ist wohl auch der Grund für die ungebrochene Popularität des Gruppen-Brainstormings.

Es ist einfach angenehm, sich in der ideologisch-emotionalen Komfortzone zu bewegen und so schön, dazu zu gehören.

Hier wird wieder deutlich, wie entscheidend die NICHT-Beeinflussung und die strukturelle Eliminierung narzisstischer Kommunikationsbedürfnisse bzw. deren Umsetzung sind, wenn es darum geht, soziale Prozesse RATIONAL zu gestalten.

Händchen haltend wird eben mehr gefühlt als gedacht. Wer kennt das nicht!
Aber für manche Zielsetzungen ist das halt äußerst ungeeignet.
Andererseits schließt das natürlich nicht aus, dass Händchen halten in anderen Zusammenhängen perfekt ist.

Hier schließt sich der Kreis zur „Weisheit der Masse“.

Sonntag, 15. Juni 2014

Die Fernseh-Quote und die Schizophrenie des Zeit-un-geistes!

Sehr interessant!
Diese Dokumentation zeigt die Macht der Zuschauer, die zugleich ihre Ohnmacht ist.
Die Zuschauer haben mit der Quote die Macht, ihre eigene Verblödung zu maximieren.

UNBEWUSST wählen sie die Programme, die sie am besten manipulieren, die massenpsychologisch-suggestiv am besten gemacht sind.

Die Fernsehgrößen, die sie beratenden Mittelmaß-Intellektuellen und der liberalistische Zeit-un-geist werten die Ergebnisse dieser Manipulation als FREIE, RATIONALE Entscheidungen des selbst bestimmten, aufgeklärten Individuums und perfektionieren das VerblödungsSYSTEM, natürlich mit gutem Gewissen.

Denn sie sind ja nicht schlauer als die Masse/Mehrheit, die sie verblöden.

Ein wunderbares Beispiel für die offensichtliche Schizophrenie unserer Zeit.

Genauso stellt sich das Verhältnis von WERBUNG und KONSUM dar, dass von den liberalistischen Anbetern des Kapitalismus NICHT als menschenverachtende Karikatur eines menschengerechten Marktes begriffen wird.

 

Dienstag, 10. Juni 2014

Die Dummheit der Masse und die Weisheit der Vielen

The Wisdom of Crowds - Surowiecki

 
Das demokratisch-aufklärerische Ideal des Rationalität wird zur Ideologie des Rationalismus, wenn es z.B. die Umsetzung von Le Bons Massenpsychologie in der Propaganda von Goebbels (Nationalsozialismus) und in dem heutigen Erfolg von Werbung und politischer Propaganda (wenn sie wirkungsvoll gemacht sind) nicht berücksichtigt.

Der Kontrapunkt zur Massenpsychologie Le Bons ist Surowieckis „The Wisdom of Crowds“.

Ein Widerspruch?

Nein, nicht unbedingt, sondern nur für die Ideologen des Rationalismus und für das Selbstverständnis der intellektuellen Elite der Konsens-Demokratie und des Mittelmaßes.

Für sie ist die "Weisheit der Vielen" ein Schlag ins narzisstische Gesicht. Die basisdemokratischen Ergebnisse bei einer Befragung OHNE die angestrengten, argumentativen Überzeugungsversuche der expliziten und impliziten rationalistischen Ideologen werden typischerweise der Realität gerechter werden, als die Analysen der sog. Experten und Meinungsführer der Schreispirale (Tilman Steiner) in den Medien.


Dies gilt auch für komplexe, anspruchsvolle Themen, wenn die Antworten handlungs- und entscheidungsorientiert auf klare Alternativen reduziert werden. 

Dies weist Surowiecki eindrucksvoll nach.

Was bedeutet das für unser aktuelles Demokratieverständnis?

Sonntag, 8. Juni 2014

Die Welle!



 „Macht durch Disziplin! Macht durch Gemeinschaft! Macht durch Handeln!“

Ein Experiment, das die historische Ausnahme faschistischer Strukturen in einer „High-School-Klasse“ 1967 im aufgeklärten Amerika spielerisch nachzeichnen will, gerät außer Kontrolle.

Das Unbewusste übernimmt die Führung bis zum tragischen Schluss.

Angetreten, um die aufgeklärte Rationalität im demokratischen Amerika zu beweisen, beweist dieses Experiment soziologische Gesetzmäßigkeiten jenseits historischer Zufälligkeiten. Gemeinschaft und Führerkultur entpuppen sich als Grundbausteine von sozialen Prozessen.

Absurderweise stellt die deutsche, universitäre Soziologie erst heute, 70 Jahre nach dem Ende des Nationalsozialismus die Frage, ob denn überhaupt diese historische Erfahrung eine Bedeutung für die soziologische Theorie habe. Typisch für die realitätsfremde, zeitgenössische Soziologie verneint die Mehrheit der „Zeitgeist-Soziologen“ diese Frage tendenziell und zeigt, wie weit sie vom Begreifen sozialer Prozesse entfernt ist.

„Die Welle“ ist 2008 beindruckend und bedrückend mit einem überzeugenden  Jürgen Vogel in der Hauptrolle verfilmt worden:


http://www.spiegel.de/kultur/kino/film-die-welle-wie-sich-schueler-fre...

10. März 2008 ... Graffiti, Gras, Gemeinschaftsdrang: Der Kinofilm "Die Welle" zeigt, wie leicht auch
heute Wiedergänger der Hitler-Jugend geschaffen werden

Sonntag, 1. Juni 2014

Die Soziologen und der Pudding an der Wand!



Warum eine neue, wissenschaftliche Sicht auf soziale Prozesse und Strukturen notwendig ist!
(Re-Kommentar auf Prof. Albrechts Antwort, siehe auch www.soziologie.de/blog)

„Die Frage, auf welcher Ebene “das soziologisch Markante” angesiedelt ist, stellt sich bei jedem Gegenstand von Neuem – und lässt sich bei keinem eindeutig beantworten.“
Der konstruktivistische Zeitgeist schlägt unbarmherzig zu.  Wer die Objektivität von sozialen Strukturen und ihren Wirkungen erforschen will, nach Wahrheit suchen und  wissenschaftliches  Denken in den Sozialwissenschaften zum Maßstab  seriöser Arbeit machen will, muss aufpassen, nicht in eine geschlossene Anstalt eingewiesen zu werden. 

Dass der radikale Konstruktivismus philosophisch betrachtet eine Absurdität darstellt, zeigt z.B. der neue ontologische Realismus von Markus Gabriel. 
Aber das spielt keine Rolle. „Die Soziologie als Dauerkrise“ lautet das fast stolz verkündete neue Paradigma der Soziologie. Man glaubt es kaum, aber aus einem  Defizit wird das Wesen der Soziologie nach heutigen Maßstäben. Entschuldigung, Wesentliches gibt es ja nicht!
Wenn man ein Thema der Soziologie im alten Sinn auf den Punkt bringen will, hat man das Gefühl, in der Auseinandersetzung mit anderen Perspektiven  und Beiträgen (die natürlich alle gleich relevant sind), wissenschaftlich korrekt formuliert, „einen Pudding an die Wand nageln zu wollen“. 
Hier: „Deshalb gelingt es ihr durch ihre innere Pluralität im Gegensatz zu anderen Sozialwissenschaften, die Komplexität dieser drei Ebenen erstaunlich produktiv im Blick zu halten.“
Die Steigerung von Komplexität, mein Lehrer Luhmann lässt grüßen, ist das Ziel, selbstverständlich nicht die Erkenntnis von Ursache-Wirkungs-Zusammenhängen. Dieser Anspruch ist, wie gesagt, zeitgeistgemäß psychiatrieverdächtig.
Radikal "konstruktivistisch" betrachtet Ihr Kollege Wagner und unsere DGS die Soziologie als „erstaunlich abgestürzt“:
"Das (dass keine aktuellen Publikationen zum aktuellen Stand der Forschung soziologischer Wissenschaftstheorie zu finden sind, G.A.S.) ist kein Zufall, denn im Unterschied zu anderen Einzelwissenschaften findet man in diesem Fach noch nicht einmal annähernd eine facheinheitliche Konzeption von Gegenstand und Methode, die man referierend vorstellen könnte. Was man findet, sind viele widersprüchliche Positionen (Braun,2008), die überblicksartig vorzustellen müßig wäre. Man würde damit nur einen Missstand dokumentieren, der offenbar für den Missstand des ganzen Fachs verantwortlich ist. 'Es gibt in diesem Fach derzeit keinen Stand der Erkenntnis', lautet die öffentlichkeitswirksame (Hervorhebung .G. A. S.) Kritik anlässlich des Jubiläumskongresses, den die Deutsche Gesellschaft für Soziologie zur Feier ihres 100-jährigen Bestehens 2010 in Frankfurt am Main ausgerichtet hatte ( Kaube 2010).
Als wollten sie dieses vernichtende Urteil ( Hervorhebung G.A.S.) bestätigen, ließen kurz darauf Fachvertreter in einer Befragung durchblicken, dass es tatsächlich keinen 'Konsens über das Grundwissen der Disziplin' gibt, was sich in erster Linie mit einer 'fehlenden gemeinsamen wissenschaftstheoretischen Vororientierung im Fach' erklären lässt (Braun & Ganser 2011:171)
Da die Soziologie offenbar wie ein Computer abgestürzt ist,..."  (Wagner 2012:1)

Natürlich sind beide Perspektiven gleichwertig, denn es handelt sich ja um zwei verschiedene Beobachter.

Die Soziologie ist besonders produktiv in der Produktion von Texten und von Komplexität, sicher sinnvoll für die vorwissenschaftliche Phase einer möglichen, wissenschaftlichen Soziologie. Zugegeben, die Soziologie ist noch ein sehr junges Fach und hat das Recht auf Verirrungen.
Und wenn das aus einer gut bezahlten und abgesicherten Position heraus passiert, ist da karrieresoziologisch-interpretativ betrachtet, nichts einzuwenden.
Nur, wenn damit ernsthafte gesellschaftliche Probleme gelöst werden sollen, ist eine solche Selbststilisierung natürlich höchst bedenklich.
Jede empirische Arbeit hängt wissenschaftstheoretisch von der Theorie und der Methodologie ab, die Fragestellungen und Hypothesen liefern.  Auch wenn das naiv implizit passiert, ändert dies nichts an den systematischen Grundlagen. Ansonsten wird  die ideologische Ausrichtung der Empirie und ihrer Ergebnisse gleich mitgeliefert, entweder ideologisch gezielt oder  ohne Selbstwahrnehmung der eigenen emotional-ideologischen Komfortzone.
Auch die Abgrenzung zum naturwissenschaftlichen Erkenntnisprozess gehört sicherlich zur  vorwissenschaftlichen  Phase einer jeden Wissenschaft, die Alchemie führte zur Chemie mit anfänglich großen Widerständen.
Es gilt immer noch Piaget und „Das falsche Ideal einer suprawissenschaftlichen Erkenntnis.“
Der Mensch und sein Geist sind auch Teile der Natur. Insofern ist zu vermuten,  dass es auch in diesem Bereich Gesetze gibt wie im übrigen Teil der Natur.  Sichtbar werden solche Gesetze z.B. im Bereich von Massenpsychologie/Medien/Propaganda und Werbung oder z.B. auf der Interaktionsebene beim Thema „Gruppendynamik“.
Ich war erstaunt als ein Kollege vom BDS ganz entsetzt war, als ich den Begriff „Propaganda“  benutzte.  Dieser Begriff sei doch heute nun wirklich nicht mehr soziologisch brauchbar, meinte er. Bei so viel Realitätsblindheit  ist das Ansehen der Soziologie nachvollziehbar  äußerst gefährdet.

Der Absturz der Soziologie wird verursacht durch das beharrliche Festhalten am „methodologischen Individualismus“, der Strukturen absurderweise durch individuelles Handeln zu erklären versucht, das in Wahrheit umgekehrt TYPISCHERWEISE durch die Struktur determiniert wird. Das  hat nicht einmal etwas mit Dialektik zu tun, sondern ist schlicht zirkulär und erklärt entgegen ihren eigenen Ansprüchen gar nichts. Die interpretative Soziologie verhindert eine klare soziologische Methodologie/Theorie und Distanzierung von der Psychologie und der Psychologisierung sozialer Prozesse.

Die Steigerung von Komplexität und das muntere Produzieren von soziologischen Texten auf der Basis des operativen Konstruktivismus der Systemtheorie führt dazu, dass hierarchisches Denken, den systematischen Unterschied zwischen Regel und Ausnahme und der Sinn für das Wesen eines konkreten, sozialen Prozesses aus dem Blickfeld geraten sind.

Soziale Prozesse werden TYPISCHERWEISE gesteuert durch Macht oder Gewalt (Regel). In Ausnahmefällen kommt es zum reziproken Austausch, entweder zufällig am Rand der Wahrscheinlichkeitsverteilung oder systematisch, wenn die involvierten sozialen Gesetze (Macht/Gewalt)  angewandt werden zur gezielten Gestaltung sozialer Prozesse (s. Brainstorming oder Gestaltung von Gruppen s. “The Difference“ v. Page).

Die mögliche, soziologische Erkenntnis von Ursache-Wirkungs-Zusammenhängen auf der Basis eines „methodologischen Strukturalismus“ ist dringend notwendig, wenn die politisch-gesellschaftliche Verantwortung für Strukturen wieder ernstgenommen werden soll.