Soziologie-ein fliegender Holländer? https://soziologiedesunbewussten.blogspot.be/2015/12/blog-post

Soziologie- ein fliegender Holländer?

Mein Artikel aus "soziologie heute", Oktober 2015, s. Blog-Artikel vom 2.12.2015

Mittwoch, 18. Juni 2014

Gefühle denken schlecht!
Brainstorming ist keine Ausnahme.


Die Asch-Experimente und ihre Nachfolger demonstrieren eindeutig, dass die Mehrzahl der Teilnehmer in einer Gruppe durch die dominierende Meinung so stark beeinflusst wird, dass sie sich ihr unbewusst-reaktiv anschließen.

Gleichzeitig sind sie subjektiv der Ansicht, es sei ihre eigene rational-bewusste Entscheidung und durch aktives eigenes Denken zustande gekommen.

Bei der Förderung von kreativen Prozessen in einer Gruppe bin ich bisher davon ausgegangen, dass die konsequente Umsetzung der Brainstorming-Regeln diese gesetzmäßige Tendenz zu Konformität umkehrt und die beste Möglichkeit darstellt, kreative Lösungsvorschläge zu produzieren.

Ich wurde eines Besseren belehrt.

Schon 1963 machte Dunnett, ein Psychologie-Professor der „University of Minnesota“, Versuche, um die Resultate des Brainstormings in Gruppen mit den Resultaten von Brainstorming in gruppenunabhängigen Einzel-Settings zu vergleichen.

Das Resultat: 23 von 24 Gruppen produzierten signifikant mehr Ideen in Einzel-Settings als in Gruppen.

Die Anzahl der Gruppenmitglieder hat zudem einen Einfluss auf die Ergebnisse des Brainstormings.

Je größer die Gruppe ist, umso schlechter sind die Ergebnisse. Eine Gruppe von 9 produziert weniger und weniger originelle Lösungsvorschläge als eine Gruppe von 6, und eine Gruppe von 6 wiederum weniger und weniger originelle als eine Gruppe von 4. (Cain 2012: 88/89)

Le Bon lässt grüßen. Je größer eine Gruppe, umso stärker die emotionale Deformation des eigenständigen, bewussten Denkens.

Von der romantischen Liebes-Ehe, Beziehungsmorden, der hysterischen Anbetung von Idolen bis zum Fußball-Stadion bzw. der Gewalt von Hooligans eine immer wieder zu beobachtende sozialpsychologisch-soziologische STRUKTURELL WIRKSAME Gesetzmäßigkeit.

Dass es um die physisch-emotionale Nähe in diesen Fällen geht, zeigt die Tatsache , dass Online-Brainstorming ungleich bessere Resultate erbringt und die Resultate sogar besser sind, je höher die Anzahl der Teilnehmer ist.

Das Gemeinschaftsgefühl ist wohl auch der Grund für die ungebrochene Popularität des Gruppen-Brainstormings.

Es ist einfach angenehm, sich in der ideologisch-emotionalen Komfortzone zu bewegen und so schön, dazu zu gehören.

Hier wird wieder deutlich, wie entscheidend die NICHT-Beeinflussung und die strukturelle Eliminierung narzisstischer Kommunikationsbedürfnisse bzw. deren Umsetzung sind, wenn es darum geht, soziale Prozesse RATIONAL zu gestalten.

Händchen haltend wird eben mehr gefühlt als gedacht. Wer kennt das nicht!
Aber für manche Zielsetzungen ist das halt äußerst ungeeignet.
Andererseits schließt das natürlich nicht aus, dass Händchen halten in anderen Zusammenhängen perfekt ist.

Hier schließt sich der Kreis zur „Weisheit der Masse“.